Gute Vorsätze

Ja, ich gebe es zu. Ich bin nicht die entspannteste Mutter. Zu viel Chaos nervt mich und ich meckere herum. Manchmal zu häufig. Manchmal auch angemessen, finde ich. Ich kann es nicht leiden, barfuß über krümelige Böden zu laufen oder eine halbe Stunde nach etwas suchen zu müssen und abends habe ich mein Wohnzimmer gern einigermaßen aufgeräumt, damit ich nicht zwischen Puzzleteilen und Spielküchenzubehör auf der Couch liegen muss. Vertatschte Glastüren und Spiegel stören mich ebenso wie Staubmäuse, die in den Ecken liegen und wenn die Kinder im Sandkasten waren, dann ziehe ich sie auch schon mal vor der Tür aus um zu vermeiden, dass der halbe Sandkasteninhalt ins Bad verschleppt wird. „Zu pingelig“, würden manche sagen. „Ganz normal, mach ich auch so“, die anderen. Ab und an habe ich jedenfalls den Eindruck, mit nichts als Hinterherräumen und Wegwischen beschäftigt zu sein, während alle anderen halt hier wohnen.

Wenn man mich aber so richtig von 0 auf 100 in den Eskalationszustand bringen will, dann genügt das nicht. Nein, dann blödelt man beim Abendessen am Tisch herum (ja, ich weiß, Kinder machen das halt), trotz mehrfacher Ermahnung (ja, auch das ist normal) und katapultiert dadurch schwungvoll einen 0,5 l Dubbebecher voll mit Orangensaftschorle auf den Boden, sodass dieser noch mehrfach hochspringt und den Saft über sämtliche Schränke und Wände und bis an die Küchenfenster verteilt. DANN bin ich ganz sicher NICHT mehr entspannt. Absolut gar nicht.

Ich wäre es jedoch gern. Ich stelle mir vor, wie ich ein engelsgleiches Lächeln aufsetze und meinem Kind zärtlich über den Kopf streichle, ihm sage, dass das doch überhaupt nicht schlimm war – anstatt lautstark meinen Ärger kundzutun. Fröhlich marschiere ich dann in den Keller, um die Putzsachen zu holen und wienere dann eine halbe Stunde lang lächelnd und geduldig die Küche von oben bis unten, bis sie blitzt und blinkt. War doch eh mal wieder nötig. Schön, dass ich jetzt die Gelegenheit dazu hatte, das zu erledigen. Die kleinen Racker schicke ich so lange raus und es stört mich überhaupt nicht, wenn sie mit ihren zarten Füßchen nochmal durch die gewischte Küche rennen wollen. Ich male mir aus, wie die Kinder sich dann, weil ich so nett und ruhig bin, selbständig währenddessen bettfertig machen, freiwillig die Zähne putzen und sich waschen und dann nur noch einen Gute-Nacht-Kuss benötigen um friedlich einzuschlummern. Eine schöne Vorstellung.

Leider wird es so nicht ganz ablaufen. Ich weiß, dass ich sie auch noch dazu bringen muss, die ganzen anderen Räume aufzuräumen, die sie heute zum Spielen benutzt haben. Weil man sonst kaum laufen kann. Ich weiß, dass das anstrengend wird und dass danach im Bad ähnlich viel Energie vonnöten sein wird, weil selten einer freiwillig die Zähne nachputzen lässt und Kleinkinder eben gern vor dem Wickeln wegrennen. Dass die Kleine lange braucht um „alleine einzuschlafen“ und die Große noch eine möglichst lange Geschichte hören will. Dass auch ich noch duschen und einiges erledigen muss, bevor ich mich hinsetzen und ausruhen kann. Das, kombiniert mit der Tatsache, dass ich einfach müde bin, arbeiten war und danach noch Homeoffice hatte und vermischt mit der vielen Frauen innewohnenden, irrationalen Einstellung, dass sie zu Hause immer alles im Griff haben müssen und nur eine gute Mutter sind, wenn die Schränke nicht mit klebrigen, angetrockneten Orangensaftflecken bekleckert sind, sorgt wohl vor allem dafür, dass ich bei solchen Vorfällen nicht die ruhige, ausgeglichene Mutter sein kann, die ich gern wäre. Ach ja, und natürlich das überzogene Gute-Mutter-Bild in der Gesellschaft, das auch mich immer wieder unter Druck setzt.

Jedes Mal nehme ich mir dann vor: nächstes Mal reagiere ich anders. Ich motze die Kinder nicht an und bleibe ruhig und ausgeglichen. Atme tief durch und lächele, anstatt böse zu gucken. Ohmmmm. Irgendwann werde ich das vielleicht mal hinkriegen. Und wer weiß, vielleicht wird sie diese paradoxe Reaktion dermaßen schockieren, dass sie sich tatsächlich vor Schreck ganz schnell bettfertig machen und drauf warten, dass ihre echte Mama wieder auftaucht. Könnte einen Versuch wert sein.

Anbei sei noch gesagt, dass ich meine Kinder sehr liebe. Aber auch der gewitzte Deeskalations-Spruch meiner Sechsjährigen „Gell Mama, besser eine schmutzige Küche, als gar keine Küche?“ konnte mich heute nicht so recht von der Palme holen.

Ich arbeite an mir…

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