Nerven

Die Trotzphase ist ein A…


Ehrlich.


Ich hatte es nur wieder vergessen. Ist ja auch schon ein paar Jahre her. Also der schlimmste Teil, meine ich, denn so ganz endet das ja nie. Aber dieses Alter zwischen 2 und 3 ist manchmal eine knallharte Herausforderung für elterliche Nerven.


Selbstverständlich versuche ich, meinen Kindern eine abwechslungsreiche Freizeitgestaltung angedeihen zu lassen. Ich versuche, sie zu Bewegung an der frischen Luft anzuhalten und nehme sie auch sonst zu allen möglichen Erledigungen mit, damit sie alles mitbekommen und am Leben teilnehmen. So macht man das doch als gute Mama. Manchmal frage ich mich allerdings, ob eine gute Mama nicht eher ab und an ihre Nerven schonen sollte, anstatt sie durch allerlei Aktivitäten MIT Kindern derart zu strapazieren. Es gibt Tage, da verstehe ich, wieso mancher einer den Nachwuchs vor dem Tablet parkt und Erledigungen lieber alleine macht und wünsche mir, ich hätte es auch so gemacht – OBWOHL ich meine Kinder sehr liebe und sie unheimlich toll finde.

Beispiel 1:
Wenn ich nachmittags mit den Kindern nochmal rausgehe, eins auf dem Laufrad, eins auf Inlinern – oder Laufrad und Fahrrad – oder Fahrrad und Anhänger – oder wie auch immer und wenn ich mich dann für zwei Minuten wie eine supergute Mutter fühle, die alles unter Kontrolle hat und ihre Kinder an der Luft zu sportlicher Aktivität anhält, anstatt sie vor der Glotze sitzen zu lassen, dann endet dieses Hochgefühl schlagartig nach ca. 70 m dadurch, dass

A) ein Kind anfängt sirenenartig zu heulen,

B) ein Kind auf offener Straße einen Wutanfall kriegt,

C) ein Kind andauernd aus-/ein-/ab-/aufsteigen und schieben/laufen will,

D) ein Kind nicht mehr fahren/laufen kann/will,

E) ein Kind einen anderen Weg nehmen will (als ich oder als das andere),

F) ein Kind (nicht) nach Hause will,

G) ein Kind mit seinem Geschwister Streit anfängt oder beide miteinander,

H) ein Kind dem jeweils anderen weg- oder in die Hacken fährt,

I) ein Kind vorne/hinten/in der Mitte fahren will,

J) ein Kind vorne fährt und sich weigert, am Straßenrand anzuhalten während das andere hinter mir gestürzt ist,

K) ein Kind akut Durst oder Hunger bekommt,

L) ein Kind die Windel überraschend füllt,

M) ein Kind den Weg zu weit/kurz oder falsch findet,

N)…ich könnte ewig so weiterschreiben, das Alphabet bekäme ich voll.

Jedes Mal frage ich mich dann: „Hab ich sie eigentlich noch alle? Ich wusste doch, dass das so ausgeht!“


Beispiel 2:
Das Kleinkind ist im Vergleich zu seinem Geschwister, das auch schon durchaus herausfordernd war, ein „sturer Bock“, höchst eigensinnig, dabei extrem aktiv und vor allem schnell und hört den ganzen Vormittag „null“ – also absolut überhaupt gar nicht und in keinster Weise – auf meine Ansagen. Es treibt das Spiel sogar so weit, immer das Gegenteil von dem zu machen, was ich von ihm will.

Ich habe aber Pläne und schleppe daher beide Kinder mit mir mit – wie man das eben so macht, wenn man Ferien hat, Kind 1 auch und Kind 2 erkältet ist. Wir müssen zum Optiker, zur Apotheke, zur Bücherei und zum Metzger.

Kind 1 trägt brav und vorbildlich seine Puppe mit sich herum und folgt mir überallhin, ohne zu meckern. Kind 2, leider erst 2 Jahre alt, tut das Gegenteil. Es läuft NICHT an der Hand, egal wie oft und auf welche Weise ich das versuche. Will ich es hochnehmen, wird es in meinem Griff zu Gummi und ich kann es nicht halten. Festhalten lässt es sich nicht. Auf dem Weg zum Optiker, am Markttag in der Stadt, weichen also gefühlt 300 Senioren und Mütter mit Kinderwägen meiner Zweijährigen aus, die wie ein geölter Blitz durch die Innenstadt rennt. (Ich sehe ihre tadelnden Blicke, denn man müsste dieses Kind ja wohl an die Hand nehmen.) Es hat Energie für 5, aber seine Puppe, die es unbedingt mitnehmen wollte, kann es nicht tragen.

Beim Optiker, zu dem wir nur müssen, weil es mir in einem Wutanfall auf die Brille gehauen hat, rennt es ständig in Richtung Tür und will, dass ich es fange. Danach auf dem Markt hat es keine Lust mehr zu laufen und will zum Auto. Es will sich auch nicht anstellen – auch nicht für Dampfnudeln – und ebenso nicht ins Auto klettern.

Bei Metzger drängelt es sich an der Corona-Warteschlange vorbei und ich muss es erneut einfangen, während Kind 1 vorbildlich mit seinem Mundschutz den Platz verteidigt. Wieder entwindet es sich mit aller Kraft meinem Griff und setzt sich dann auf den Boden – und ich erhalte von einer älteren Dame freundliche Ratschläge und Unterstützung, indem sie versucht, an die Vernunft meines Kindes zu appellieren. Das schlägt allerdings fehl und zeigt nicht den gewünschten Erfolg. In der Metzgerei will es auf die Taschenablage klettern und sich auf den Boden setzen.

In der Bücherei (in der es sich oft vorbildlich verhalten kann) legt es heute nochmal einen Zahn zu, „sortiert“ die CDs und Bücher neu, während ich mit Kind 1 geeignete Erstlesebücher heraussuche und beginnt dann damit, die Bolzen aus dem CD-Regal herauszuziehen (und wieder hineinzustecken – es geht hier rein um eine technische Untersuchung). Ich erwähne (mehr an mich selbst gerichtet als an meine Umwelt), dass mein Kind heute einfach nicht hören will und darf mir von einer freundlichen Bibliothekskraft den pädagogisch wertvollen Hinweis anhören, dass „Hören“ und „Gehorchen“ nicht dasselbe seien. Ja, danke, dann eben gehorchen – aber macht doch keinen Unterschied, oder? Das Kind verlässt vor uns die Bücherei, rennt dann an der langen Warteschlange vorbei und in die Apotheke hinein, aus der ich es wieder heraushole, während es brüllend signalisiert, dass es jetzt doch unbedingt meinen Grippeimpfstoff noch mit mir holen wollte. Ich schnappe das Kind, verfrachte es ins Auto und noch bevor ich es anschnallen kann ist es über die Mittelkonsole auf meinen Sitz geklettert („Bei der Oma wir dürfen das immer.“) Ich hole es zurück und wir treten den Heimweg an. Ich bin übrigens durchgeschwitzt und es ist noch vor 12 Uhr am Vormittag.

Zu Hause nimmt es mir die Jacke aus der Hand, damit ich sie nicht aufhänge, denn schließlich hatte es vor, sie auf den Boden zu werfen. Die Puppe lässt es vor der Tür liegen – denn ich hatte ja gesagt es solle sie mit reinnehmen und heute ist doch offenbar Gegenteil-Tag.


Dann endlich setzt es sich an den Tisch zum Essen. Ja, Essen. Damit kriegt man Kind 2 immer.

Es mampft genüsslich seine Dampfnudel, die ich trotz Protest gekauft habe, schleckt die Vanillesoße aus und ist auf einmal so lieb und herzig und überhaupt, macht unheimlich witzige Sprüche und aller Stress fällt wieder von mir ab und ich erwische mich bei dem Gedanken:

Wie gut, dass es dich gibt. Bitte bleib genau so, wie du bist, du tolles, wildes Mädchen, mit deinem eigenen Kopf.

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